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Gap-Analyse
 
Werner Pepels
 

Die Gap-Analyse, auch Lückenanalyse genannt, besteht aus verschiedenen Phasen und ist ein Instrument zur Identifizierung von strategischen und operativen Lücken. Jedoch stellt sich die Frage, ob das Prinzip der Analyse noch zeitgemäß ist und ob die Anlayse ein adäquates Mittel für ökonomische Prognosen darstellt.


In diesem Beitrag erfahren Sie:

  • welche Stellgrößen verfügbar sind, um anspruchsvolle Wachstumsziele zu realisieren,
  • wie man Märkte mit bestehenden Produkten besser durchdringen kann,
  • welche Ausprägungen der Diversifizierung vorhanden sind.

 

Idee der Gap-Analyse

Ansoff-Matrix

Die 1960er Jahre waren durch unbändiges gesamtwirtschaftliches Wachstum gekennzeichnet. Die Länder der westlichen Welt prosperierten in einem vorher unbekannten und wohl auch zukünftig nicht mehr erreichbaren Ausmaß. Die wesentliche Aufgabe der marktorientierten Unternehmensführung bestand darin, individuell mit diesem Wachstum schrittzuhalten. Dazu wurde nach einer Systematisierung der Wachstumsmöglichkeiten gesucht.

Der Unternehmensberater Ansoff bot dazu ein probates Denkmodell an. Er identifizierte die von einem Unternehmen verkauften Produkte und die von ihm damit bearbeiteten Märkte als zentrale Steuerungsgrößen. Ein Unternehmen kann letztlich nur mit den von ihm angebotenen Produkten und auf den von ihm abgedeckten Märkten wachsen. Ansoff teilte Produkte und Märkte wiederum nach bestehenden und neuen ein. Konstruiert man daraus eine Matrix, so ergeben sich vier Marktfelder:

  • bestehende Produkte und bestehende Märkte,
  • bestehende Produkte und neue Märkte,
  • neue Produkte und bestehende Märkte,
  • neue Produkte und neue Märkte.

Daraus entwickelte er generische Wachstumsfelder. Die intensivere Bearbeitung bestehender Märkte mit bestehenden Produkten stellt die Alternative der Marktdurchdringung dar. Das Angebot bestehender Produkte auf für das Unternehmen neuen Märkten stellt die Marktentwicklung dar. Die Einführung für das Unternehmen neuer Produkte auf bestehenden Märkten stellt die Produktausweitung dar. Und die Einführung neuer Produkte durch das Angebot auf neuen Märkten stellt die Diversifizierung dar.

Ansoff empfahl Unternehmen nunmehr, diese vier Marktfelder nacheinander zu aktivieren und dabei das jeweils nächste nur, wenn die Aktivitäten auf den vorherigen Marktfeldern nicht ausreichen. Dieser Empfehlung lag eine Risikoabschätzung zugrunde. Das geringste Risiko stellt die Marktdurchdringung dar, das Unternehmen bewegt sich schließlich mit bestehenden Produkten auf bestehenden Märkten, also auf bekanntem Terrain. Schon gewagter ist die Bearbeitung neuer Märkte mit bestehenden Produkten, sind diese neuen Märkte doch notwendigerweise unbekannt. Die Marktentwicklung darf nicht nur, wie naheliegend, räumlich interpretiert werden, sondern als Marktsegmente allgemein. Setzt man den Risikoindex der Marktdurchdringung = 100, so kann man sich die Marktentwicklung als Risikoindex 400 vorstellen. Noch risikoreicher ist freilich die Einführung neuer Produkte auf bestehenden Märkten, denn von den allermeisten Innovationen ist bekannt, dass sie floppen. Mit Innovationen sind weniger absolute Neuheiten gemeint, als vielmehr relative Innovationen, also Produkte, die für das betreffende Unternehmen neu sind. Daher kann der Risikoindex der Produktausweitung mit 800 angesetzt werden. Mit Abstand am risikoreichsten ist jedoch die Diversifizierung, da hier die Risiken der Marktentwicklung und der Produktausweitung kumulieren. Die Imponderabilien neuer Märkte und die Floppgefahr neuer Produkte kommen hier zusammen und entsprechen einem Risikoindex von 1600. Wegen der optischen Reihenfolge dieser Schritte in der Matrix wird dies auch als Z-Empfehlung bezeichnet verbindet man die angesprochenen Marktfelder nacheinander, ergibt sich die Form eines »Z«. Warum aber sollte ein Unternehmen solche Risiken überhaupt eingehen?

Gap-Grafik

Die Abfolge lässt sich anhand einer Grafik veranschaulichen. Auf der Abszisse ist die Zeit abgetragen, auf der Ordinate der Umsatz. Die aktuelle Situation der Unternehmen ist infolge allgemeinen Wirtschaftswachstums als steil aufwärts gerichtete Kurve zu unterstellen. Nunmehr ist jedoch die Entscheidung zu treffen, wie das individuelle Unternehmenswachstum mit dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum der Zukunft mithalten kann. Dies wird nur über zusätzliche Aktivitäten zu bewerkstelligen sein. Geschieht hingegen nichts, wird das Unternehmen vom Markt verdrängt, das Wachstum der Wettbewerber lässt die eigene Umsatzkurve stark abfallen. Tatsächlich wird jedes Unternehmen daher Pläne umsetzen, den Umsatz zu halten. Aber zwischen diesem Status quo und den anspruchsvollen Wachstumszielen klafft zumeist eine Lücke, die Gap. Es wird daher als unerlässlich angesehen, die in der Ansoff-Matrix dargestellten Aktivitäten einzuleiten.

Und zwar zunächst die der Marktdurchdringung. Reicht die intensivierte Bearbeitung bestehender Märkte mit bestehenden Produkten = Penetration aus, die Wachstumslücke zu schließen, ist das Ziel bereits erreicht. Bleibt hingegen immer noch eine Lücke zwischen Umsatzstatus und Wachstumszielen, sind weitere Aktivitäten vorzunehmen. Dann folgt das Angebot bestehender Produkte auf neuen Märkten. Dadurch wächst dem Unternehmen zusätzlicher Umsatz zu. Reicht dieser Umsatzzuwachs wiederum, die Wachstumslücke zu schließen, ist das Ziel erreicht. Bleibt nach wie vor eine Lücke, so ist als Nächstes die Einführung neuer Produkte auf bestehenden Märkten vorzusehen. Dadurch entsteht wiederum zusätzlicher Umsatz. Ist die Wachstumslücke jetzt geschlossen, ist das Ziel erreicht. Bleibt aber hartnäckig immer noch eine Wachstumslücke, so muss die risikoreichste Alternative aktiviert werden neue Produkte auf neuen Märkten. Erst dadurch kann, so die Ansicht von Ansoff, die Lücke zwischen unbefriedigendem Status quo und anspruchsvollem Wachstumsziel systematisch geschlossen werden. Doch welche Maßnahmen sind konkret dazu geeignet, die einzelnen Gap-Felder auszufüllen?

Wachstumsmaßnahmen

Alternativen der Marktdurchdringung

Intensitätssteigerung

Intensitätssteigerung beabsichtigt die Erhöhung der Kaufmenge je Periode durch engere zeitliche Abfolge der Verwendung mit der Konsequenz höheren Verbrauchs oder stärkeren Einsatzes des Produkts je Verwendung. Denkbar, wenngleich ethisch bedenklich, ist auch die künstliche Veralterung von Produkten.

Planned Obsolescense

Historische Beispiele für solche künstliche Veralterungen Planned Obsolescense sind die mutmaßliche Begrenzung der Lebensdauer von Glühfäden in Leuchtmitteln oder der unnötige Einbau von ansonsten nicht notwendigen Sollbruchstellen in Küchengeräte.

Ein aktuelles Beispiel sollen Kärcher-Hochdruckreiniger liefern, von denen gemutmaßt wird, dass ihre technische Lebensdauer aktiv auf wenige Laufstunden begrenzt wird. Dies würde freilich im Hobby-Bereich immer noch eine Nutzung über mehrere Jahre erlauben, da die Nutzungsdauer pro Jahr eher im Minutenbereich liegt.

Set-Alternative

Set-Alternative strebt an, dass ein Produkt von Kunden im Wechsel zu ihrem Stammangebot gekauft zu werden. Ziel ist also nicht die komplette Konkurrenzverdrängung, sondern nur eine partielle.

Beispiel Clausthaler

Ein typisches Beispiel ist das alkoholfreie Clausthaler-Bier. Da nicht zu erwarten ist, dass Konsumenten ausschließlich alkoholfreies Bier trinken denn der An-reiz des Bierkonsums besteht häufig gerade in der alkoholisierenden Wirkung , wurde es als gute Lösung angesehen, Clausthaler als Alternative zu normalem alkoholhaltigem Bier auszuloben, etwa, wenn man einen klaren Kopf behalten muss oder noch Autofahren will. Der Slogan »Nicht immer, aber immer öfter« suggerierte gerade diesen Wechselkonsum Dual-/Multiloyalität und schaffte damit den Einbruch in den traditionellen Biermarkt. Der Slogan ist zwischenzeitlich zum geflügelten Wort geworden.

Dadurch besteht die Chance, Nachfrager zu gewinnen, die nicht bereit wären, ausschließlich ein Angebot zu nutzen, sich aber sehr wohl vorstellen können, dies im Wechsel tun. Dies setzt allerdings voraus, dass das eigene Produkt sich im Set der akzeptierten Kaufalternativen befindet.

Up Selling

Up Selling erfolgt durch Erhöhung des Werts je Kaufakt, indem ein höher wertigeres anstelle des bisherigen Produkts gekauft wird. Die Kauffrequenz und -menge bleibt dabei unverändert.

Wenn es gelingt, Kunden zum Kaufentscheid ein solch höher wertigeres Produkt anzudienen, resultiert daraus meist auch ein höherer Ertrag. Dadurch wird dem Kunden eine anbietertreue Produktkarriere ermöglicht.

Beispiel Kreditinstitute und Kreditkarten

Zu denken ist in diesem Zusammenhang an die Kontoführungspakete der Kreditinstitute. Hier wird von Sparkassen etwa in die Gruppen Giro-Konto, Giro-Classic-Konto und Giro-Start-Konto unterteilt. Die einzelnen Pakete unterscheiden sich durch den Umfang der Serviceleistungen und dementsprechend auch im Preis. Es bleibt aber bei einem Girokonto je Auftraggeber. Nur wird angestrebt, aus diesem Giro-Konto ein Mehr an Gebühren herauszuholen, indem Kunden mit steigenden Ansprüchen auf das umfangreichere Paket umsteigen und dafür einen höheren Betrag berechnet erhalten.

Ein anderes Beispiel sind die Kreditkarten-Unternehmen, die durch das abgestufte Angebot verschieden werthaltiger Credit Cards Grüne Karte, Goldene Karte, Platin-Karte, Schwarze Karte einen Aufstieg ermöglichen, wobei sich die Leistungsumfänge in der Kartenhierarchie praktisch nur marginal, die Preisunterschiede aber überaus erheblich darstellen.

Cross Selling

Cross Selling meint die Induzierung von Käufen durch Abnehmer, die bereits in einer Produktgruppe Kunden sind, auch in einer anderen eigenen Produktgruppe. Dadurch kann der Kundenwert besser ausgeschöpft werden Share of Wallet.


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Prof. Werner Pepels

Werner Pepels studierte nach kaufmännischer Berufsausbildung Wirtschaft und Wirtschaftswissenschaften mit den Abschlüssen Diplom-Betriebswirt und Diplom-Kaufmann. Anschließend war er zwölf Jahre, davon drei Jahre selbstständig, als Marketingberater in internationalen Kommunikationsagenturen für renommierte Markenartikler tätig. Dabei stieg er vom Kontakt-Trainee über die Positionen Kontakter, Strategischer Planer, Etat-Direktor, Prokurist bis zum Geschäftsführenden Gesellschafter in einer der seinerzeit größten, rein deutschen Werbeagenturgruppen auf. 1989 wurde er zum Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Marketing, berufen. Er ist durch zahlreiche Beiträge zu Themen aus Marketing, Vertrieb, Werbung und Management in Monografie-, Sammelband-, Lexikon- und Aufsatzform ausgewiesen und in seiner Domäne einer der erfolgreichsten Autoren (über 150.000 verkaufte Auflage) im deutschsprachigen Raum. Er ist u.a. als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger, als Studienleiter und Dozent in der Managementausbildung tätig.
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